Wir alle sind Aleppo

Wir sitzen in unseren Gärten und entspannen.

Vögel zwitschern süß und die Sonne erwärmt unsere Seele.

Nur ab und zu ein leichter Misston.

Dann, wenn wir unsere Augen und Ohren öffnen,

 ein bisschen den hässlichen Geruch des Krieges wahrnehmen,

ganz weit entfernt – im Fernsehen,

bei unseren Häppchen, die wir gerade verzehren.

Eine ruhige Straße in einem beschaulichen Ort.

Einem Ort, wo wir uns so wohlfühlen,

bis wir die Ketten der Panzer vor unserer Haustüre hören

und der Priester für Beerdigungen keine Termine mehr hat.

Andreas Sonntag 1988

 

serveimage1oedt/abs. Ich bin alt. Meine Erinnerungen beschränken sich auf die Nachkriegszeit. Leben zwischen Trümmern und den täglichen Kampf, teilweise unter Lebensgefahr. Wir Kinder mussten dafür sorgen, dass wir zu essen hatten. Ein Loch heizen konnten, um „das Essen“ zu erwärmen, oder im Winter nicht vor Kälte zu krepieren. Fast vergessen das halsbrecherische Aufspringen auf rollende Güterzüge um Kohle runterzuwerfen, die dann die Geschwister oder die Mutter aufsammelte. Oder das „Entholzen“ der Trümmer oder die Diebestouren auf dem Bauernhof, um die gekochten Kartoffeln aus dem Schweinefutter zu klauben. Im Winter wurde nur in „Notfällen“ gebadet. Im Sommer musste eine Füllung Wasser in der Zinkbütt für die ganze Familie reichen, Badewasser musste ja vorher auf dem Ofen „gekocht“ werden. Erinnerungen, die immer mehr verblassen und wie eine Geschichte aus einer fremden Welt klingen.
Doch da gibt es noch die vielen Älteren, die Verwandte, Bekannte, Nachbarn oder Fremde, Säuglinge, Kinder, Erwachsene aus den Trümmern geborgen haben. Tod, zerstückelt, oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die immer noch bei jedem starken Knall zusammenzucken. Für die jede Flugschau am Himmel, Erinnerungen weckt, die Richtung Schutzkeller geht, wo sie sich verstecken könnten.

Alle Leute haben eine Nähmaschine, ein Radio, einen Eisschrank und ein Telefon. Was machen wir nun? fragte der Fabrikbesitzer. „ Bomben“, sagte der Erfinder. „ Krieg“, sagte der General. „ Wenn es nicht anders geht“, sagte der Fabrikbesitzer. Wolfgang Borchert

Und heute? Heute sitzen wir vor dem Computer und überfliegen Nachrichten aus Kriegsgebieten. Hungersnöten und von Menschen, die kilometerweit Wasser schleppen müssen, um zu überleben. Manchmal rührt uns ein Pressefoto an, auf dem ein Mensch in einer besonderen serveimagePose zu Tode gekommen ist. Zahlen von getöteten Menschen, bleiben einfach nur Zahlen, ohne Vorstellungskraft.. Auch die sechzig Millionen Menschen auf der Flucht aus ihrer Heimat, berührt uns nicht mehr. Es sind nur eine abstrakte Zahl und die auch noch sehr weit weg.
Es erinnert so an die Gleichgültigkeit der Menschen nach dem Krieg. Deutschland setzt wieder alte Nazis in Amt und Würde. Mit den abstrusesten Ausreden. Ganze Ministerien, Justiz, Schulen und andere Ämter wurden mit diese Schergen verseuchte. Der eigene Wohlstand, das Wohlbefinden hat Priorität.

Was daraus geworden ist, haben wir schmerzlich mit der RAF erleben müssen. Wir erleben es heute wieder mit einem rasanten Erstarken rechter Gruppierungen. In Deutschland, Europa und der Welt.

Wieder bauen wir Hindernisse und Grenzen aus Stahl und Beton. Menschen werden ausgegrenzt und davon abgehalten, ihr Leben zu retten. abu_ghraib_48Ja, wir bezahlen Milliarden Euros an einem Land, das seit Jahren die Demokratie mit Füßen tritt. Und nur damit keine Menschen, die vor Not, Hunger und Tod flüchten, die „Festung Europa“ erreichen und betreten. Nicht genug damit bauen wir in Europa schon wieder ein Feindbild auf. Rasseln permanent mit dem „Säbel“ und Vergessen das Ergebnis der Millionen Toten. Tote, die wir im Zweiten Weltkrieg als Deutsche in der Sowjet Union verschuldet haben. Vergessen die Toten des Holocaust. Kein Gedanke mehr an die eigenen Millionen Toten. Den Witwen und Waisen. Der Zerstörung ganzer Lebensräume und die Jahrzehnte lange Spaltung des Landes durch Mauern und Stacheldraht.

 

 

Als zum erstenmal das Wort „Friede“ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: „Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ – Karl Kraus

Wieder setzen wir Soldaten in Ländern ein, in denen wir nichts zu suchen haben. Stehen vor Grenzen mit militärischen Geräten und üben Flüge, wie in Deutschland stationierte Atombomben am besten in ein Ziel zu bringen sind. Wir exportieren Waffen in „aller Herren Länder“, weil sie ja Arbeitsplätze für Deutsche bedeuten, und haben keinen blassen Schimmer, was eine Kugel aus diesen Waffen anrichtet.

Außer den Tod zu perfektionieren, haben wir aus der Geschichte nichts gelernt.

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Syrien: Begrabt die Menschlichkeit auf dem Friedhof Aleppo

Von Georg Schwarte

Trotz größter Not hat sich der UN-Sicherheitsrat wieder nicht auf eine Feuerpause für die umkämpfte syrische Stadt Aleppo einigen können. Die Weltgemeinschaft versagt. Ein WDR 2 Klartext von Georg Schwarte.

http://www1.wdr.de/radio/wdr2/programm/klartext/klartext-syrien-aleppo-100.html

 

 

Volkstrauertag

Gedenkansprache von Jens Ernesti, Fraktionssprecher der Grünen in Grefrath anlässlich des Volkstrauertages 2016

Sehr geehrte Damen und Herren Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

der heutige Tag ist den Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet. Wir erinnern uns an die gefallenen Soldaten, die zivilen Kriegsopfer, die Opfer von Genoziden und Massakern. Wir denken an die Menschen, die in der Gefangenschaft oder auf der Flucht ihr Leben lassen mussten. An die Toten der Diktaturen und die, die ihren Widerstand mit ihrem Leben bezahlt haben. Aber all dies erscheint oft abstrakt.

Die 55 Millionen Toten des zweiten Weltkriegs, die Ermordung von 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die 4 Millionen verwundeten Soldaten, eine Millionen Kriegswitwen. Diese vielen Zahlen erscheinen abstrakt und übersteigen unsere Vorstellungskraft. Sie drohen, nur noch zu statistischen Größen zu werden, je länger das Kriegsende zurückliegt. Damit jedoch dieser überaus wichtige Volktrauertag nicht zu einer Tradition wird, die sich abnutzt, ist es wichtig, diese Zahlen und deren Bedeutung in unser Herz zu holen. Wir müssen uns bewusstmachen, dass hinter all diesen Zahlen einzelne menschliche Schicksale stehen. Menschen wie du und ich. Im zweiten Weltkrieg wurden 1,4 Millionen Kinder zu Kriegsweisen. Eine dieser 1,4 Millionen Kriegsweisen war meine Mutter. Meine Mutter hat mit mir, als ihrem jüngsten Sohn, nie viel über ihre Kindheit und die schrecklichen Umstände und Ereignisse geredet. Wohl aus Angst, was diese Erinnerungen mit ihr machen würden, und welche schrecklichen Bilder diese Erinnerungen wohl wiederauftauchen lassen würden.

Nur Manches erinnerte sie an die Entbehrungen, an den Überlebenskampf und das Leid, das sich in ihre Kinderseele gebrannt hatte. Lassen wir doch die Vorstellung in unser Herz, wie ein kleines Mädchen wohl aufwächst, in einem von Krieg zerstörten Land, ohne die helfende Hand eines Vaters und die liebevolle Fürsorge einer Mutter. Kinder waren und sind immer die Hauptleidtragenden von Krieg und Gewalt. Denn Kinder haben die größte Angst und werden für ihr ganzes Leben geprägt.

Für mich war diese Vorstellung von jeher herzzerreißend. Dies macht den Volkstrauertag eben nicht zu einer abgenutzten Tradition, sondern zu einem Tag der gemeinsamen Trauer. Und er erinnert uns daran, wieder einmal innezuhalten und sich mit dem zu beschäftigen, was uns zu Menschen macht: Mitgefühl. Aber wo kann dieses Mitgefühl bleiben angesichts der täglich auf uns einprasselnden schrecklichen Nachrichten? Die Konflikte in der Ukraine, im Gaza-Streifen, im Irak, der Krieg in Afghanistan. Und natürlich auch der blutige Bürgerkrieg in Syrien, bei dem mehr als 4 Millionen Menschen ins Ausland geflohen sind. Unter anderem auch nach Deutschland. Mehr als die Hälfte dieser Geflüchteten sind Kinder. Das sind mehr als sechsmal so viele Flüchtlingskinder, als Menschen im gesamten Kreis Viersen leben. Und dies sind nur einige wenige Beispiele unserer heutigen Welt, in der jeden Tag Menschen wie du und ich Opfer von Krieg, Terror und Blutvergießen werden. Auch die Zahl dieser Opfer ist unvorstellbar.

Und wenn wir an dieser Stelle wieder unser Herz öffnen und uns vergegenwärtigen, dass jedes dieser Opfer auch Familie hat, auch Freunde und Verwandte die trauern. Ist es da überhaupt noch menschenmöglich sich Mitgefühl zu erlauben, ohne davon aufgefressen zu werden? Auch ich werde Ihnen diese Frage nicht beantworten können, aber ich spüre, dass gerade dieser persönlich empfundene Schmerz die ganze Tragweite des heutigen Tages bewusstmacht. Vielleicht war der Volkstrauertag schon lange nicht mehr so wichtig wie heute. In Zeiten in denen die Konflikte der Welt auch vor unserer kleinen Gemeinde keinen Halt mehr machen. Wenn wir als Grefratherinnen und Grefrather den Menschen die vor Krieg und Verfolgung fliehen eine sichere Zuflucht bieten wollen, ist auch unser Mitgefühl gefragt. Und jeder von uns muss sich entscheiden, ob er deren Geschichten in sein Herzen lässt. Sind wir es nicht denen, denen wir heute gedenken schuldig, Mitgefühl zuzulassen? In einer Zeit in der in Deutschland wieder Flüchtlingsheime brennen, Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft das Menschsein abgesprochen wird, dient der Volkstrauertag auch der Mahnung und als eine Verpflichtung für die Gegenwart und unsere Zukunft. Dieser Verpflichtung müssen wir uns alle, auch im Alltag, stellen.

Sie liebe Grefrather Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich am heutigen Volkstrauertages hier eingefunden haben, laufen nicht Gefahr zu vergessen. Sie sind das sichtbare Zeichen der Erinnerung. Aber es ist beängstigend, dass es offenkundig Kräfte gibt, die daran interessiert sind, unsere Erinnerungskultur ändern zu wollen. Kräfte die Angst in unsere Herzen pflanzen wollen und Katastrophen heraufbeschwören. Die Begrifflichkeiten aus dem finstersten Kapitel deutscher Geschichte wieder positiv besetzen möchten. Die uns dem berauben möchten, was uns zu Menschen macht: Unser Mitgfühl. Dabei wissen gerade wir aus unserer Geschichte sehr genau, dass Angst, Hass und Feindseligkeit kaum noch Raum für die Fähigkeit lässt, mit einem anderen Menschen zu fühlen. Genau wie Freiheit und Demokratie nicht von allein entstehen und nicht von allein erhalten bleiben ist dies auch mit dem Mitgefühl – insbesondere für Menschen, die schutz- und hilflos sind. Mitgefühl braucht viele Menschen mehr, die es leben und stärken, die es schützen und zeigen. Sie alle, die heute hier zusammengekommen sind, sind der Beleg dafür, dass Mitgefühl in unserer Gemeinde gelebt wird. Sie alle zeigen, dass wir die Grausamkeiten von Gewalt in jeder Form, ob damals oder heute, nicht verdrängen. Sie alle zeigen, dass wir Flucht, Vertreibung und Hungersnöte wahrnehmen und verurteilen. Sie alle zeigen, dass wir gut daran tun, uns zu erinnern und die Not und das Lei-den nicht zu vergessen.

Ja, ich weiß. Selbst in meiner Generation meint manch einer, er habe schon wegen des Datums seiner Geburt mit all dem aus der Vergangenheit nichts mehr zu tun. Dabei bleibt insbesondere die Aufgabe meiner Generation, die in einem friedlichen Europa aufwachsen durfte und Krieg nur aus dem Geschichtsunterricht und Erzählungen kennt, Erinnerung und Andenken zu pflegen. Denn die Werte, die wir schätzen und die die Grundlage unserer Gesellschaft bilden, sind keine Selbstverständlichkeiten.

Ich möchte an dieser Stelle auch als Vertreter unseres Gemeinderates sprechen und festhalten, dass wir vor Ort, über die Fraktionsgrenzen hinweg, auch in Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit und Anfeindungen von außen gemeinsam einstehen für eine friedensstiftende Demokratie.

Verehrte Damen und Herren, lassen Sie mich die Worte der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zitieren:

„Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt – der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht“.

Meine Damen und Herren, lassen Sie und den heutigen Volkstrauertag zum Anlass nehmen, auch über unse-re Verantwortung als Eltern und Großeltern nachzudenken. Denn wir müssen un-seren Kindern Mitgefühl vorleben und mit allem Nachdruck tagtäglich aufs Neue den Frieden erklären, „damit unsere Kinder niemals anderen den Krieg erklären“. Und wir müssen Ihnen die Aufgabe, am Volkstrauertag der Toten zu gedenken, erklären und weitergeben. Damit Mitgefühl weiterhin die Basis unseres Handels bleibt. Daher danke ich Ihnen von Herzen für Ihr Erscheinen und für Ihre Aufmerksamkeit.

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