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Merz(ige)“Lifestyle-Teilzeit“ oder „ein Menschen ohne Ahnung“

Ohne Ehrenamt bricht dieses Land

Deutschland ist ein reiches Land. Wirtschaftlich stark, technisch hochentwickelt, sozialstaatlich gut organisiert – zumindest auf dem Papier. Doch unter dieser Oberfläche trägt eine stille, oft übersehene Kraft das Land durch Krisen, Engpässe und alltägliche Notlagen: das Ehrenamt. Millionen Menschen leisten freiwillig Arbeit, die weder glamourös ist noch gut bezahlt wird – meist gar nicht. Sie tun es trotzdem. Würden sie es nicht mehr tun, stünde Deutschland vor einem sozialen Kollaps.

Rund 27 Millionen Menschen engagieren sich hierzulande ehrenamtlich. Sie arbeiten bei Tafeln, im Katastrophenschutz, bei Feuerwehren, in Sportvereinen, in Pflege- und Besuchsdiensten, bei Bahnhofsmissionen, in Gemeinderäten, Flüchtlingsinitiativen, Nachbarschaftshilfen, Jugendgruppen, Kirchengemeinden, Selbsthilfeorganisationen. Sie verteilen Lebensmittel, löschen Brände, begleiten Sterbende, trösten Einsame, organisieren Integration, halten demokratische Strukturen am Laufen. Ohne sie gäbe es kein funktionierendes Gemeinwesen.

Dieses Engagement ist kein Randphänomen. Es ist systemrelevant.

Milliarden Stunden – unbezahlt, unverzichtbarfire fighters, fire service, fire fighting, fire truck, extinguish fire, fire, fire fighters, fire truck, fire truck, fire truck, fire truck, fire truck

Ehrenamtliche leisten im Durchschnitt mehrere Stunden pro Woche. Rechnet man konservativ mit etwa vier Stunden wöchentlich, ergibt sich ein Jahresvolumen von rund 208 Stunden pro Person. Hochgerechnet auf alle Engagierten bedeutet das: mehr als 5,5 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr.

5,5 Milliarden Stunden, die nicht in Statistiken der Wirtschaftsleistung auftauchen. Die kein Bruttoinlandsprodukt erhöhen. Die keinen Shareholder erfreuen. Aber ohne die dieses Land nicht funktionieren würde.

Würde man diese Arbeit bezahlen müssen – selbst zu einem sehr niedrigen Ansatz von 15 Euro pro Stunde –, lägen die Kosten bei über 80 Milliarden Euro jährlich. Bei realistischeren Lohnkosten wären es weit über 100 Milliarden Euro. Jahr für Jahr. Das ist mehr als der Bundeshaushalt für Bildung und Forschung. Mehr als der Verteidigungsetat. Mehr als viele politische Debatten überhaupt erfassen.

Doch Geld allein beschreibt das Ausmaß nicht.

Was passiert, wenn das Ehrenamt wegfällt?

Stellen wir uns vor, all diese Menschen hören auf. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Erschöpfung. Oder weil sie sich nicht mehr verantwortlich fühlen wollen für Aufgaben, die eigentlich staatlich abgesichert sein müssten.

Die Tafeln müssten schließen. Hunderttausende Menschen hätten keinen Zugang mehr zu Lebensmitteln. Die Suppenküchen würden verschwinden. Bahnhofsmissionen wären verwaist – keine Hilfe people standing in front of brown cardboard boxesmehr für Obdachlose, Gestrandete, Verwirrte. Die freiwilligen Feuerwehren, die den Großteil des Brandschutzes in Deutschland stellen, könnten ihre Einsätze nicht mehr leisten. Der Katastrophenschutz würde kollabieren. In ländlichen Regionen gäbe es keine schnelle Hilfe mehr bei Unfällen oder Naturkatastrophen.

Auch die Demokratie träfe es hart: Gemeinderäte, Schöffinnen, Wahlhelfer, Beiräte – sie alle arbeiten ehrenamtlich. Ohne sie gäbe es keine funktionierende kommunale Selbstverwaltung. Entscheidungen würden zentralisiert, Beteiligung würde schrumpfen, Vertrauen weiter erodieren.

Kurz: Das soziale Netz würde reißen. Nicht an einer Stelle. Überall.

Ehrenamt als Reparaturbetrieb des Sozialstaats

Was dabei besonders bitter ist: Ehrenamt ersetzt zunehmend das, was der Sozialstaat nicht mehr leistet oder nur unzureichend absichert. Tafeln existieren nicht, weil sie eine nette Idee sind. Sie existieren, weil Millionen Menschen mit ihrem Einkommen nicht mehr auskommen. Besuchsdienste gibt es, weil Pflege und soziale Teilhabe nicht ausreichend finanziert werden. Nachbarschaftshilfe springt ein, wo staatliche Strukturen fehlen oder zu bürokratisch geworden sind.

Das Ehrenamt ist damit längst mehr als freiwillige Ergänzung. Es ist zum Reparaturbetrieb eines überforderten Systems geworden. Und genau das ist gefährlich.

Denn freiwillige Arbeit lebt von Motivation, Sinn, Anerkennung. Sie ist nicht beliebig skalierbar. Sie lässt sich nicht einfach ausweiten, wenn der Bedarf steigt. Und sie kann jederzeit wegbrechen, wenn Menschen nicht mehr können oder wollen.

Die stille Selbstverständlichkeit

Trotzdem wird das Ehrenamt politisch oft wie eine Selbstverständlichkeit behandelt. Man lobt es in Sonntagsreden, vergibt Ehrennadeln, schreibt Dankesworte. Gleichzeitig werden Strukturen gekürzt, Förderungen verkompliziert, bürokratische Hürden erhöht. Ehrenamtliche füllen Formulare aus, kämpfen mit Datenschutzauflagen, haften persönlich für Fehler – und hören dann, man müsse „effizienter“ werden.

Dabei ist das Ehrenamt kein kostenloser Rohstoff. Es ist eine begrenzte Ressource, getragen von Zeit, Kraft, Empathie. Wer sie übernutzt, verschleißt sie.

Ein Land auf Pump – moralisch und sozial

Deutschland lebt in weiten Teilen auf Pump – nicht finanziell, sondern moralisch. Es lagert Verantwortung aus an Menschen, die helfen, weil sie nicht wegsehen können. Weil sie Mitgefühl haben. Weil sie wissen, dass jemand sonst durchs Raster fällt.

rgouveia / Pixabay

Ohne dieses Engagement sähe Deutschland kälter aus. Härter. Ungerechter. Und deutlich ärmer – nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch.

Das Ehrenamt hält dieses Land zusammen. Nicht als romantische Geste, sondern als tragende Säule. Wer das übersieht oder ausnutzt, spielt mit dem sozialen Frieden.

Wenn all diese ehrenamtlichen Leistungen plötzlich wegfielen, würde Deutschland innerhalb kürzester Zeit an seine Grenzen stoßen. Der Staat müsste enorme Summen aufbringen, um auch nur einen Teil der Aufgaben zu ersetzen. Viele Leistungen ließen sich überhaupt nicht kompensieren. Vor allem aber ginge etwas verloren, das sich nicht kaufen lässt: menschliche Nähe, Solidarität, Vertrauen.

Das Ehrenamt ist kein Luxus. Es ist das Rückgrat dieser Gesellschaft.
Und ein Land, das sich darauf verlässt, ohne es ernsthaft zu schützen und zu stützen, riskiert mehr als leere Kassen. Es riskiert seine Menschlichkeit.

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