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Wohnungslosigkeit wird in Deutschland oft als Randphänomen behandelt. Als Problem einzelner Städte, einzelner Gruppen, einzelner Lebensläufe. Was dabei fast vollständig untergeht, sind die Kinder. Sie sind nicht nur mitbetroffen, sie sind strukturell unsichtbar. In Statistiken tauchen sie meist als Anhängsel von Haushalten auf. In politischen Debatten spielen sie kaum eine Rolle. Und genau darin liegt das Problem.
Nach aktuellen Erhebungen des Statistisches Bundesamt waren zuletzt mehr als 530.000 Menschen in Deutschland wohnungslos im weiteren Sinne. Rund 153.000 davon sind Kinder und Jugendliche, die mit ihren Familien in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften leben oder ohne eigene Wohnung untergebracht sind. Diese Zahl ist kein Randwert. Sie bedeutet, dass fast jedes dritte wohnungslose Schicksal ein Minderjähriger ist.
Wohnungslosigkeit von Kindern bedeutet nicht zwingend Leben auf der Straße. Sie bedeutet fehlende Stabilität. Häufige Umzüge. Enge Räume. Gemeinschaftsunterkünfte ohne Privatsphäre. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten. Unsicherheit im Alltag. Für Kinder ist das kein Übergangszustand, sondern oft eine prägende Lebensphase. Studien zeigen, dass sich instabile Wohnverhältnisse direkt auf Gesundheit, Bildung und soziale Entwicklung auswirken.
Besonders schwer erfassbar sind Kinder und Jugendliche, die nicht in offiziellen Unterkünften leben. Wer zeitweise bei Freunden, Verwandten oder Bekannten unterkommt, gilt statistisch oft nicht als wohnungslos. Für die Betroffenen ändert das wenig. Kein eigener Raum, kein verlässlicher Wohnort, keine Planungssicherheit. Fachstellen gehen davon aus, dass diese verdeckte Wohnungslosigkeit die offiziellen Zahlen deutlich übersteigt.
Hinzu kommen Jugendliche und junge Erwachsene, die allein von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Nach Schätzungen aus der Wohnungslosenhilfe entfällt ein erheblicher Anteil der unter 25-Jährigen auf instabile oder wohnungslose Lebenslagen. Exakte Zahlen fehlen, nicht weil es das Problem nicht gibt, sondern weil es systematisch unzureichend erfasst wird. Auch das ist eine Form politischer Unsichtbarkeit.
Die sozialen Folgen sind gravierend. Kinder in wohnungslosen Haushalten haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen, psychische Belastungen und Bildungsabbrüche. Schulwechsel, fehlende Lernorte und ständige Unsicherheit wirken sich unmittelbar auf schulische Leistungen aus. Armut wird so nicht nur erlebt, sondern weitergegeben.
Gleichzeitig verschärfen sozialpolitische Debatten den Druck auf diese Familien. Sanktionen, Leistungskürzungen und restriktivere Zugänge zur Grundsicherung treffen Haushalte, in denen Kinder leben, besonders hart. Wenn Miete nicht mehr bezahlt werden kann oder Leistungen gekürzt werden, sind es nicht abstrakte Erwachsene, die betroffen sind, sondern Minderjährige ohne Handlungsspielraum.
Auffällig ist, wie selten diese Perspektive in politischen Auseinandersetzungen vorkommt. Wohnungslosigkeit wird häufig als Ordnungsproblem diskutiert. Kinder kommen darin kaum vor. Dabei ist ihre Lage ein zentraler Indikator für den Zustand sozialer Sicherungssysteme. Eine Gesellschaft, die hinnimmt, dass hunderttausende Kinder ohne stabile Wohnverhältnisse aufwachsen, trifft eine bewusste politische Priorisierung.
– Rund 153.000 Kinder und Jugendliche leben offiziell in wohnungslosen Haushalten.
– Die Dunkelziffer verdeckter Wohnungslosigkeit ist erheblich höher.
– Instabile Wohnverhältnisse verschlechtern Bildungs- und Gesundheitschancen messbar.
– Kinder sind von Sanktionen und Kürzungen indirekt, aber existenziell betroffen.
– Politische Debatten behandeln Wohnungslosigkeit meist ohne Kinderperspektive.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe weist seit Jahren darauf hin, dass Wohnungslosigkeit immer jünger wird. Gleichzeitig fehlen verbindliche Strategien, die Kinder konsequent in den Mittelpunkt stellen. Hilfesysteme sind häufig auf Erwachsene zugeschnitten. Kinder gelten als mitbetroffen, nicht als eigenständige Gruppe mit eigenen Rechten und Bedürfnissen.
Warum wird diese Realität politisch so selten thematisiert? Eine mögliche Erklärung liegt in der fehlenden Sichtbarkeit. Kinder in Notunterkünften tauchen nicht im Stadtbild auf. Ihre Armut ist leise, nicht öffentlich. Genau das macht sie politisch bequem. Wer nicht sichtbar ist, erzeugt keinen unmittelbaren Druck.
Dabei sind die langfristigen Kosten enorm. Kinder, die ohne stabile Wohnverhältnisse aufwachsen, haben ein erhöhtes Risiko, später selbst von Armut und Ausgrenzung betroffen zu sein. Wohnungslosigkeit wird so nicht nur verwaltet, sondern reproduziert. Prävention würde hier nicht nur Leid verhindern, sondern auch gesellschaftliche Folgekosten reduzieren.
Die bisherige Praxis deutet jedoch in eine andere Richtung. Verschärfungen im Sozialrecht, Diskussionen über Leistungskürzungen und die Verlagerung von Verantwortung auf Kommunen und Ehrenamt verschärfen die Lage. Für Kinder bedeutet das, dass ihre Lebensbedingungen von Verwaltungsentscheidungen abhängen, auf die sie keinen Einfluss haben.
Am Ende bleibt eine unbequeme Feststellung: Kinder in wohnungslosen Lebenslagen sind kein Randthema, sondern ein Prüfstein. Sie zeigen, wie ernst es ein Staat mit sozialer Verantwortung meint. Solange sie in Debatten kaum vorkommen, bleibt Wohnungslosigkeit ein strukturelles Problem, das weiter vererbt wird.
Die Folgen von Obdachlosigkeit sind vielfältig. Sie betreffen Leib und Leben sowie den Charakter der Betroffenen. Am sichtbarsten sind die Verwahrlosung und Verelendung. Die Folgen der Obdachlosigkeit im Einzelnen sind zum Beispiel:
- Wegfall der vom Staat gewährten sozialen Sicherheit
- unzureichende Hygiene
- Aussetzung gegenüber der Witterung wie zum Beispiel Hitze, Kälte, Regen und Schnee, mangelnde körperliche Erholung, Tod durch Erfrieren (z. B. im Winter zu Beginn der 1990er Jahre starben in Deutschland jährlich etwa 20 Obdachlose durch Erfrieren)
- unzureichende Ernährung, Mangelerscheinungen
- Krankheiten, insbesondere durch mangelnde Hygiene, höhere Infektionswahrscheinlichkeit, Fehl- und Unterernährung; Abwehrschwäche
- erhöhtes Risiko, Opfer gewalttätiger oder sexueller Übergriffe zu werden, etwa Vergewaltigungen, Diebstahl, Raub,[41] vereinzelt auch körperliche Gewalt bis zu Tötungsdelikten
- Veränderungen des Charakters durch das „Leben auf der Straße“, Diskriminierung durch die übrige Bevölkerung, soziale Isolation und Beschaffungskriminalität
Laut der englischen Studie Homelessness: A Silent Killer der Universität Sheffield haben Obdachlose im Durchschnitt eine um 30 Jahre geringere Lebenserwartung.[42]
https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosigkeit
Titelbild: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=662902
