Freiraum
Der Sommer zeigt schonungslos, wo die Schwächen unserer Orte liegen.
Zu wenig Schatten. Zu wenig Wasser. Zu wenig Möglichkeiten, sich auszuruhen. Und oft keine öffentliche Toilette weit und breit.
Dabei wird genau das in Zukunft immer wichtiger werden. Nicht irgendwann, sondern bereits heute.
Wer an heißen Sommertagen durch viele Ortskerne geht, stellt schnell fest: Wasser ist überall ein Thema. Vor allem dort, wo es fehlt.
Asphalt, Pflastersteine und Beton speichern die Wärme oft bis weit in die Abendstunden. Schattenplätze sind rar. Wer sich unterwegs ausruhen möchte, muss häufig suchen. Und wer Durst bekommt, hat meist nur die Möglichkeit, ein Geschäft oder eine Gastronomie aufzusuchen.
Dabei werden heiße Tage längst keine Ausnahme mehr.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass längere Hitzeperioden zunehmend zur Normalität werden. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Genau jene Gruppen also, deren Anteil in der Gesellschaft wächst oder die ohnehin auf eine funktionierende öffentliche Infrastruktur angewiesen sind.
Interessanterweise wird über viele Klimaschutzmaßnahmen intensiv diskutiert. Über eine vergleichsweise einfache Frage dagegen deutlich seltener:
Wie bleibt ein Ort auch bei großer Hitze lebenswert?
Die Antwort beginnt häufig bei Dingen, die unscheinbar wirken:
Ein Baum.
Eine Bank.
Ein Trinkbrunnen.
Eine öffentliche Toilette.
Ein schattiger Platz.
Nichts davon sorgt für große Schlagzeilen. Alles zusammen entscheidet jedoch darüber, ob Menschen einen Ortskern nutzen oder meiden.
Trinkbrunnen beispielsweise galten lange als nette Ergänzung öffentlicher Plätze. Heute könnten sie weit mehr sein. Kostenlos zugängliches Trinkwasser wird nicht nur bei steigenden Temperaturen zunehmend zu einer Frage der Gesundheitsvorsorge.
Wer unterwegs Wasser trinken kann, bleibt länger im öffentlichen Raum. Gerade ältere Menschen profitieren davon. Gleichzeitig entstehen Orte, an denen Menschen verweilen statt lediglich vorbeizugehen.
Doch Wasser kann mehr.
Viele Städte beginnen inzwischen, Wasser wieder sichtbar zu machen. Kleine Bachläufe werden freigelegt, Brunnen neu gestaltet oder Wasserflächen geschaffen. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach einer attraktiveren Gestaltung.
Wasser kühlt.
Nicht spektakulär. Nicht als Wunderwaffe. Aber spürbar.
Wer einmal an einem heißen Tag neben einem Bachlauf oder einem Brunnen gesessen hat, kennt den Unterschied.
Umso bemerkenswerter ist, dass über Jahrzehnte vielerorts das Gegenteil geschah. Gräben verschwanden. Bäche wurden verrohrt. Wasser wurde aus den Ortsbildern verdrängt, weil es vor allem als etwas betrachtet wurde, das möglichst schnell abgeleitet werden sollte.
Heute zeigt sich, dass diese Sichtweise an Grenzen stößt.
Starkregenereignisse nehmen zu. Gleichzeitig leiden viele Regionen unter Trockenheit. Wasser wird plötzlich gleichzeitig zu viel und zu wenig.
Das verändert den Blick auf die Gestaltung öffentlicher Räume.
Ein weiterer Punkt wird dabei häufig übersehen.
Wer längere Zeit unterwegs ist, benötigt irgendwann eine Toilette.
Was selbstverständlich klingt, wird in vielen Städten und Gemeinden zunehmend zum Problem. Öffentliche Toiletten sind selten geworden. Manche wurden geschlossen, andere gar nicht erst gebaut.
Für viele Menschen bedeutet das eine erhebliche Einschränkung.
Familien mit kleinen Kindern kennen die Situation ebenso wie ältere Menschen oder Personen mit bestimmten Erkrankungen. Die Frage, wo sich die nächste Toilette befindet, entscheidet oft darüber, ob ein Ausflug überhaupt stattfindet.
Gleichzeitig entstehen dort, wo entsprechende Angebote fehlen, andere Probleme. Verschmutzungen im öffentlichen Raum sind häufig die Folge.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob öffentliche Toiletten, Trinkbrunnen oder zusätzliche Schattenplätze wünschenswert wären.
Die Frage lautet, welche Erwartungen an einen modernen öffentlichen Raum gestellt werden.
Soll er lediglich funktionieren?
Oder soll er Menschen ermöglichen, sich dort aufzuhalten?
Der Unterschied ist größer, als es zunächst erscheint.
Ein Ort, der zum Verweilen einlädt, wird anders genutzt.
Menschen begegnen sich häufiger. Ortskerne bleiben lebendig. Geschäfte profitieren von längeren Aufenthalten. Das soziale Leben wird gestärkt.
Wasser spielt dabei eine überraschend große Rolle.
Nicht nur als Getränk.
Nicht nur als Klimafaktor.
Sondern als Teil einer Infrastruktur, die darüber entscheidet, wie lebenswert ein Ort wahrgenommen wird.
Vielleicht wird genau deshalb die Frage nach Trinkbrunnen, Wasserflächen, Schatten und öffentlichen Toiletten in den kommenden Jahren wichtiger werden, als viele heute vermuten.
Denn eine älter werdende Gesellschaft braucht nicht nur Wohnungen und Pflegeeinrichtungen.
Sie braucht Orte, in denen Alltag auch bei 35 Grad noch möglich bleibt.Hitzeperioden, demografischer Wandel und die Gestaltung öffentlicher Räume hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick erscheint. Wasser, Schatten, Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten wirken oft unscheinbar. In ihrer Summe entscheiden sie jedoch darüber, ob Menschen am öffentlichen Leben teilnehmen können oder sich zunehmend zurückziehen. Die Anpassung an den Klimawandel beginnt deshalb nicht nur bei großen Infrastrukturprojekten, sondern oft bei sehr alltäglichen Fragen.
Für viele Menschen ist es längst nicht selbstverständlich, einfach das Haus zu verlassen. Schon der Weg zum Arzt, zum Einkaufen oder auf einen Platz, an dem man anderen Menschen begegnet, kann Kraft kosten. Wer unterwegs keine Bank findet, nichts trinken kann oder nicht weiß, wo sich die nächste Toilette befindet, bleibt irgendwann häufiger zu Hause. Das betrifft vor allem ältere Menschen, aber keineswegs nur sie. Eine Gemeinde sollte sich deshalb auch daran messen lassen, wie gut sie die ganz normalen Bedürfnisse ihrer Bürger berücksichtigt.
Die Fotos dienen lediglich der Veranschaulichung.
