Aus der Region

Freiraum II

Wenn Orte mit ihren Menschen altern

Wer mit offenen Augen durch Orte und Städte geht, bemerkt Veränderungen, die sich nicht nur in Statistiken zeigen. Mehr Rollatoren. Mehr Menschen, die nach einer Sitzbank suchen. Mehr Dreiräder. Mehr Personen, die längere Wege vermeiden, weil sie beschwerlich geworden sind.Der demografische Wandel ist keine Zukunftsprognose mehr. Er findet bereits statt. Doch sind unsere Orte darauf vorbereitet?

Mehr Rollatoren. Mehr Dreiräder. Mehr Menschen, die nach einer Sitzbank suchen oder längere Wege vermeiden. Der demografische Wandel findet nicht irgendwann statt. Er findet bereits statt. Trotzdem wirken viele Orte noch immer so, als seien sie für eine Gesellschaft geplant worden, die es in dieser Form längst nicht mehr gibt. Wie gut sind unsere Städte und Gemeinden auf das Älterwerden vorbereitet? Und woran erkennt man eigentlich, ob ein Ort wirklich für alle Menschen nutzbar ist?

Die Gesellschaft altert bereits

Wer mit offenen Augen durch einen Ort geht, sieht oft mehr als jede Statistik zeigen kann. Veränderungen kündigen sich nicht immer durch große Schlagzeilen an. Manchmal zeigen sie sich im Alltag. Mehr Rollatoren auf den Gehwegen. Mehr Menschen, die unterwegs eine Pause benötigen. Mehr Dreirad-Fahrräder. Mehr Personen, die sich ihre Wege genau überlegen müssen.

Die Gesellschaft altert nicht irgendwann. Sie altert bereits. Deutschland gehört zu den Ländern mit einer der ältesten Bevölkerungen Europas. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Das ist zunächst eine erfreuliche Entwicklung. Doch sie verändert die Anforderungen an den öffentlichen Raum. Viele Orte wurden in einer Zeit geplant, in der andere Voraussetzungen galten. Wer jung und gesund ist, nimmt zahlreiche Hindernisse oft gar nicht wahr. Wer dagegen in seiner Mobilität eingeschränkt ist, erlebt dieselben Wege häufig völlig anders.

Wenn Mobilität zur Herausforderung wird

Eine Bordsteinkante, die kaum auffällt, kann plötzlich zum Hindernis werden. Ein schmaler Weg wird zur Engstelle. Eine fehlende Sitzgelegenheit zur Belastung. Dabei betrifft dies längst nicht nur ältere Menschen. Auch Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder vorübergehenden Einschränkungen sind auf gut nutzbare öffentliche Räume angewiesen.

Der Begriff Barrierefreiheit wird häufig verwendet. Tatsächlich geht es dabei um sehr praktische Fragen: Kommen zwei Rollatoren problemlos aneinander vorbei? Hat ein Rollstuhl genügend Platz? Kann ein Dreirad-Fahrrad sicher den Radweg nutzen? Gibt es ausreichend Möglichkeiten für Pausen? Ist der Weg bei Regen oder Schnee sicher nutzbar? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden oft darüber, ob Menschen am öffentlichen Leben teilnehmen können oder nicht. Besonders sichtbar wird dies bei den Verkehrswegen. Viele Radwege stammen aus einer Zeit, in der niemand mit einer größeren Zahl von E-Bikes, Dreirädern oder Elektromobilen gerechnet hat. Vielerorts sind sie schmal, unübersichtlich oder in schlechtem Zustand. Was für einen sportlichen Radfahrer lediglich unbequem ist, kann für andere Verkehrsteilnehmer bereits ein ernsthaftes Problem darstellen.

Mehr als nur eine Bank

Der öffentliche Raum verändert sich. Die Infrastruktur folgt dieser Entwicklung jedoch oft nur langsam. Dabei wird die Bedeutung scheinbar kleiner Dinge häufig unterschätzt. Eine Bank wird schnell als Nebensächlichkeit betrachtet. Tatsächlich entscheidet sie mit darüber, ob manche Menschen einen Ortskern überhaupt nutzen können. Wer weiß, dass unterwegs keine Möglichkeit zum Ausruhen besteht, bleibt häufiger zu Hause oder erledigt notwendige Wege möglichst schnell. Dasselbe gilt für Schattenplätze. Die Sommer werden heißer. Plätze, die sich tagsüber stark aufheizen, verlieren an Aufenthaltsqualität. Gerade ältere Menschen reagieren empfindlicher auf hohe Temperaturen. Wer sich nicht regelmäßig ausruhen oder abkühlen kann, meidet den Aufenthalt im Freien. Auch öffentliche Verkehrsmittel gehören zu diesem Thema. Nicht jeder verfügt über ein Auto oder kann dauerhaft selbst fahren. Werden Verbindungen ausgedünnt oder fehlen passende Angebote, schränkt dies die Mobilität vieler Menschen zusätzlich ein.

Teilhabe beginnt im Alltag

Für viele Menschen ist es längst nicht selbstverständlich, einfach das Haus zu verlassen. Schon der Weg zum Arzt, zum Einkaufen oder auf einen Platz, an dem man anderen Menschen begegnet, kann Kraft kosten. Wer unterwegs keine Bank findet, nichts trinken kann oder nicht weiß, wo sich die nächste Toilette befindet, bleibt irgendwann häufiger zu Hause. Das betrifft vor allem ältere Menschen, aber keineswegs nur sie.Familien mit Kindern kennen ähnliche Situationen. Wer mit einem Kind unterwegs ist, weiß, wie wichtig eine erreichbare Toilette sein kann. Dennoch verschwinden öffentliche Toiletten vielerorts eher, als dass neue entstehen. Gleichzeitig fehlen häufig Trinkmöglichkeiten oder ausreichend Sitzgelegenheiten. Dabei sollten weder ältere Menschen noch Familien mit Kindern darum bitten oder betteln müssen, eine Toilette nutzen zu dürfen. Eine lebenswerte Gemeinde zeigt sich nicht zuletzt daran, wie selbstverständlich solche alltäglichen Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Eine Frage der Zukunftsfähigkeit

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob mehr Sitzgelegenheiten, breitere Wege oder bessere Aufenthaltsmöglichkeiten sinnvoll wären. Die Frage lautet vielmehr, wie Orte in Zukunft funktionieren sollen. Der demografische Wandel wird sich fortsetzen. Die Zahl älterer Menschen wird steigen. Gleichzeitig möchten die meisten Menschen möglichst lange selbstständig und aktiv bleiben. Genau deshalb wird die Gestaltung öffentlicher Räume immer wichtiger. Dabei geht es nicht um Luxus. Es geht um Alltag. Es geht um die Möglichkeit, selbstständig einkaufen zu gehen, Freunde zu treffen, einen Arzttermin wahrzunehmen oder einfach einen Nachmittag im Ortskern zu verbringen. Eine lebenswerte Gemeinde erkennt man nicht daran, wie modern ihre Broschüren sind. Man erkennt sie daran, ob Menschen jeden Alters und mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen ihren Alltag möglichst selbstständig bewältigen können.

A little girl standing in front of a signVielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Nicht nur Häuser und Straßen zu bauen, sondern Freiräume zu schaffen, die von möglichst vielen Menschen genutzt werden können. Denn eine Gesellschaft wird nicht jünger. Aber sie kann lernen, besser auf ihr eigenes Älterwerden vorbereitet zu sein. Der demografische Wandel wird häufig in Rentenstatistiken, Pflegezahlen oder Arbeitsmarktprognosen diskutiert. Sichtbar wird er jedoch vor allem im Alltag: auf Gehwegen, Radwegen, Plätzen und in Ortskernen. Die Frage, wie öffentliche Räume gestaltet werden, ist deshalb weit mehr als ein Thema der Stadtplanung. Sie entscheidet zunehmend darüber, wie selbstständig und aktiv Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Quellen

  • Statistisches Bundesamt (Destatis): Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur in Deutschland
  • Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): Demografischer Wandel und Stadtentwicklung
  • Umweltbundesamt: Klimaanpassung und öffentliche Räume

Die Fotos dienen der Veranschaulichung.

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