Hitze
Was die Hitzewellen Deutschland kosten
Hitze wird teuer. Sehr teuer.
Hitzewellen fordern Menschenleben, belasten Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen und treffen gleichzeitig die Wirtschaft. Für einen einzigen Hitzetag mit Temperaturen ab 30 Grad errechnet Prognos inzwischen volkswirtschaftliche Kosten von rund 431 Millionen Euro. Bei Temperaturen über 35 Grad steigt die Summe auf fast eine Milliarde Euro pro Tag. Hinzu kommen hitzebedingte Todesfälle und langfristige wirtschaftliche Folgen.
Hitze ist deshalb längst keine reine Wetterfrage mehr. Sie wird zu einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderung.
Wenn Hitze zur Belastung wird
Deutschland hat sich lange daran gewöhnt, dass Sommer zwar warm, aber insgesamt beherrschbar sind. Hitzeperioden galten als außergewöhnliche Wetterlagen, auf die man sich vorübergehend einstellen musste. Inzwischen verändert sich diese Wahrnehmung. Heiße Tage treten häufiger auf, Hitzewellen dauern länger und besonders hohe Temperaturen erreichen Regionen, die darauf baulich und organisatorisch nur unzureichend vorbereitet sind. Die Folgen lassen sich inzwischen nicht mehr nur am Thermometer ablesen. Sie zeigen sich in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Betrieben und Kommunen. Sie zeigen sich auch in den Sterbezahlen.
Das Umweltbundesamt und das Robert Koch-Institut haben die Berechnung der hitzebedingten Sterblichkeit in Deutschland inzwischen weiterentwickelt. Danach gab es in den Sommern 2023 und 2024 jeweils etwa 3.000 hitzebedingte Todesfälle. Besonders betroffen waren Menschen über 75 Jahre und Personen mit Vorerkrankungen. Dabei handelt es sich nicht um Todesfälle, bei denen auf dem Totenschein schlicht „Hitze“ als Todesursache steht. Die Zahl wird statistisch ermittelt, indem die tatsächliche Sterblichkeit während Hitzeperioden mit der zu erwartenden Sterblichkeit
verglichen wird. Das ist wichtig, weil Hitze häufig bestehende Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen verschärft und damit zum Auslöser eines Todesfalls werden kann. Die gesundheitlichen Folgen beginnen allerdings lange vor dem Tod. Hitze kann Kreislauf und Herz belasten, Schlaf und Konzentration beeinträchtigen und bestehende Erkrankungen verschlimmern. Für Krankenhäuser und Rettungsdienste bedeutet das zusätzliche Belastungen. Für Pflegeeinrichtungen bedeutet es zusätzliche Verantwortung, gerade dann, wenn Bewohnerinnen und Bewohner besonders gefährdet sind. Auch die Nächte spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass sich die Sterblichkeit besonders erhöht, wenn die Temperaturen über mehrere Tage hoch bleiben und es nachts nicht ausreichend abkühlt. Städte sind dabei stärker betroffen als das kühlere Umland.
Der wirtschaftliche Schaden beginnt bei 30 Grad
Noch stärker sichtbar wird die Dimension, wenn man die wirtschaftlichen Folgen betrachtet.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Ein einziger Hitzetag mit Temperaturen ab 30 Grad verursacht in Deutschland durchschnittlich rund 431 Millionen Euro wirtschaftliche Kosten. Rund 97 Prozent davon entstehen durch Produktivitätsverluste. Hinzu kommen etwa 76.500 Fehltage durch hitzebedingte Krankheiten und Unfälle. Bei Temperaturen über 35 Grad wird die Belastung noch größer. Prognos beziffert die wirtschaftlichen Kosten eines solchen Tages inzwischen auf rund 984Millionen Euro. Das bedeutet nicht, dass an einem solchen Tag eine Rechnung über 984 Millionen Euro geschrieben wird. Es handelt sich um eine volkswirtschaftliche Modellrechnung. Sie versucht abzuschätzen, welche wirtschaftliche Leistung durch geringere Produktivität, Arbeitsausfälle und weitere Folgen verloren geht. Gerade die Produktivität wird häufig unterschätzt. Menschen arbeiten bei großer Hitze nicht automatisch überhaupt nicht mehr. Viele arbeiten weiter, können aber weniger leisten. Konzentration und körperliche Belastbarkeit nehmen ab, Pausen werden notwendiger und bei körperlich belastenden Tätigkeiten steigt das Unfallrisiko. Das betrifft nicht nur Bauarbeiter. Auch Landwirtschaft, Logistik, Industrie, Pflege, Gastronomie und viele andere Bereiche sind betroffen.
Die große Rechnung kommt erst noch
Noch weiter reicht eine Untersuchung von Allianz Trade. Danach könnten Deutschland bis 2030 wirtschaftliche Verluste von rund 112,5 Milliarden Euro durch extreme Hitze entstehen, wenn sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts in vergleichbarer Weise wiederholen. Nach der Untersuchung sinkt die Produktivität oberhalb von 30 Grad mit jedem weiteren Grad um etwa drei Prozent. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf für Kühlung. Die Zahl von 112,5 Milliarden Euro ist deshalb keine Rechnung über bereits entstandene Schäden. Sie ist eine Prognose unter bestimmten Annahmen. Trotzdem zeigt sie, welche Größenordnung erreicht werden kann, wenn Hitze nicht als Ausnahme, sondern als wiederkehrende Belastung betrachtet wird. Auch die öffentlichen Haushalte bleiben davon nicht unberührt. Wenn die wirtschaftliche Leistung sinkt, sinken unter Umständen auch Steuereinnahmen. Gleichzeitig können zusätzliche Ausgaben für Gesundheit, Infrastruktur und Anpassungsmaßnahmen entstehen.
Damit entsteht eine Entwicklung, die politisch bisher nicht immer ausreichend berücksichtigt wird: Der Klimawandel verursacht nicht nur Kosten für Klimaschutz. Auch das Nichtvermeiden und Nichtanpassen verursacht Kosten.
Hitze trifft nicht alle gleich
Die Auswirkungen verteilen sich zudem nicht gleichmäßig. Wer im klimatisierten Büro arbeitet, kann eine Hitzewelle anders erleben als jemand, der auf einem Baugerüst arbeitet. Wer in einem gut gedämmten Haus mit außenliegendem Sonnenschutz lebt, hat andere Möglichkeiten als jemand in einer schlecht belüfteten Dachgeschosswohnung. Und ein gesunder junger Mensch kann hohe Temperaturen anders verkraften als ein hochbetagter Mensch mit mehreren Vorerkrankungen. Das macht Hitze auch zu einer sozialen Frage. Deutschland verfügt über viele Möglichkeiten, sich gegen Hitze zu schützen. Doch Schutz kostet Geld. Gebäude müssen angepasst, Arbeitsplätze verändert, Städte umgebaut und Pflegeeinrichtungen vorbereitet werden. Bäume müssen gepflanzt und erhalten, Flächen entsiegelt und Schatten geschaffen werden.
Damit sind wir bei einer Frage, die über die unmittelbaren Folgen einer Hitzewelle hinausgeht.
Wenn heute Milliarden durch Hitze verloren gehen und gleichzeitig Menschen sterben, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Investitionen notwendig wären, um diese Entwicklung zu begrenzen. Dabei geht es nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um die Frage, wie viel eine Gesellschaft für Vorsorge ausgeben will, um spätere Schäden zu vermeiden.
Genau diese Rechnung soll der zweite Teil dieser Serie untersuchen. Denn Klimaschutz kostet Geld. Aber der Klimawandel kostet ebenfalls Geld. Die entscheidende politische Frage ist deshalb nicht, ob Geld ausgegeben werden muss. Die Frage ist, wofür es ausgegeben wird und welche Kosten dadurch künftig vermieden werden können.
Fortsetzung: Teil 2 – „Die Rechnung“
Quellen: Umweltbundesamt, Robert Koch-Institut, Prognos, Bundeswirtschaftsministerium, Agora Energiewende.
Umweltbundesamt – Studie zu hitzebedingten Todesfällen
Robert Koch-Institut – Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität
Prognos – Arbeitsschutz im Klimawandel
Prognos hat für die Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni 2026 insgesamt 6,3 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten berechnet.
Tagesschau – Hitze kostet Deutschlands Wirtschaft Milliarden
Alle Bilder sind nur Beispielbilder.
