Deshalb gibt es immer mehr Bänke, auf denen niemand liegen kann, Spikes, die Menschen vertreiben und Gitter und Barrieren, die Menschen ausgrenzen. Das ist kein Fortschritt, das ist Demütigung aus Stahl und Beton.

 

abs/oedt. Defensive Architektur, auch bekannt als Anti-Obdachlosen-Architektur oder feindliches Design, breitet sich in immer mehr Städten aus. Was auf den ersten Blick wie „praktische Stadtgestaltung“ wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein zutiefst unmenschliches Signal: Wer arm, wohnungslos oder einfach nur „unerwünscht“ ist, soll verschwinden – und zwar nicht durch Hilfe, sondern durch Verdrängung.

Unsichtbar machen statt Probleme lösen

Metallstangen auf Fensterbänken, Bänke mit Trennbügeln, Spikes unter Brücken – all diese Elemente haben nur ein Ziel: Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, sollen keinen Platz zum Ausruhen oder Schlafen finden. Statt die Ursachen von Obdachlosigkeit zu bekämpfen, versucht man, die Betroffenen unsichtbar zu machen.
Es ist ein städtebaulicher Ausdruck dessen, was man „nach unten treten“ nennt: Die Schwächsten der Gesellschaft werden nicht unterstützt, sondern systematisch ausgeschlossen.

Ein Spiegel der sozialen Kälte

Solche Maßnahmen sind mehr als nur unschöne Details im Stadtbild. Sie sind ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die Armut nicht sehen will.
Feindliches Design sagt im Grunde: „Du störst. Du passt nicht in das Bild unserer sauberen Einkaufsstraße, unseres modernen Bahnhofs, unseres sanierten Viertels.
Wer so plant, verschiebt die Verantwortung von Politik und Gesellschaft auf den Einzelnen – und entwertet zugleich das Menschsein der Betroffenen.

Städte der Ausgrenzung

Das perfide an defensiver Architektur ist ihre Normalisierung. Viele Passantinnen und Passanten bemerken die Barrieren kaum, nehmen sie höchstens als „Designentscheidung“ wahr. Doch im Kern steht eine gefährliche Botschaft: Der öffentliche Raum gehört nicht allen, sondern nur den „gewünschten Nutzern“.
Städte werden so zu Räumen der Ausgrenzung, nicht der Begegnung. Sie verlieren ihren Charakter als gemeinsames Gut.

Moderne Stadtgestaltung oder verdeckter Rassismus?

Was gerne als „moderne Stadtgestaltung“ verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen oft als subtiler Ausschluss bestimmter Menschen. Sitzbänke werden so gebaut, dass niemand darauf liegen kann, Hauswände mit Metallstiften bestückt, damit sich niemand hinsetzt – alles unter dem Etikett von „Ordnung“, „Sicherheit“ und „Modern“. Doch in Wahrheit handelt es sich um nichts anderes als Diskriminierung im modernen Designmantel: unerwünschte Menschen sollen verdrängt und unsichtbar gemacht werden. Weg damit.

Hinzu kommt die fehlende öffentliche Infrastruktur: Immer weniger öffentliche Toiletten, kaum Trinkbrunnen, Sitzgelegenheiten oder Schutzmöglichkeiten. Gerade in Zeiten des demographischen Wandels, in denen immer mehr ältere Menschen unterwegs sind, ist das ein Skandal. Wer unterwegs dringend eine Toilette braucht, findet oft keine – und riskiert im schlimmsten Fall sogar eine Ordnungsstrafe, wenn er sich „unerlaubt erleichtert“. Das ist Diskriminierung hoch drei: Menschen wird nicht nur ein Grundbedürfnis verwehrt, sondern sie werden für ihre Notlage auch noch bestraft.

So wird eine „moderne Stadt“ schnell zur unmenschlichen Stadt, in der Schwache, Arme, Alte und Kranke unsichtbar gemacht werden – während man den Ausschluss als Fortschritt verkauft.

Es ist höchste Zeit, dieses Denken zu durchbrechen. Öffentlicher Raum muss inklusiv gestaltet werden. Architektur darf nicht zum Werkzeug der sozialen Kälte verkommen, sondern muss Orte schaffen, die Teilhabe ermöglichen – für alle, nicht nur für die Konsumierenden.

Ein Appell an Politik und Stadtplanung

Wer in der Stadtplanung auf feindliches Design setzt, sendet ein doppeltes Signal:
Wir investieren lieber in Abwehrmaßnahmen als in soziale Lösungen. So nach dem Motto: „Wir akzeptieren nur Armut, solange sie unsichtbar bleibt.“

 

Insperiert durch einen ältern Artikel in der TAZ und https://de.wikipedia.org/wiki/Defensive_Architektur

 


 

 


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