„Deutschlands Faulenzer retten wieder den Laden“
27 Millionen Ehrenamtliche:
Arbeiten die Deutschen wirklich zu wenig?

Ich kann dieses Gerede von den „faulen Deutschen“, die angeblich lieber feiern als arbeiten, langsam nicht mehr hören.
In Deutschland engagieren sich rund 27 Millionen Menschen ehrenamtlich. Sie erhalten dafür keinen Lohn, keine Boni und keine Aktienpakete. Sie tun es, weil sie Verantwortung übernehmen.
Allein bei den Tafeln helfen etwa 77.000 Ehrenamtliche, damit Millionen Menschen überhaupt noch über die Runden kommen. Andere kümmern sich um alte Menschen, Kranke, Behinderte, Kinder, Obdachlose, Flüchtlinge oder Menschen, die einfach niemanden mehr haben. Ehrenamtliches Engagement in Deutschland umfasst unter anderem die Freiwillige Feuerwehr, den Katastrophenschutz, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Malteser, die Johanniter-Unfall-Hilfe, den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), kirchliche und soziale Hilfsdienste, Tafeln, Sport- und Fußballvereine, Nachbarschaftshilfen, Sozialverbände, Flüchtlingshilfe, Seniorenbetreuung, Pflegeunterstützung sowie zahlreiche lokale Bürgerinitiativen und gemeinnützige Vereine. Selbst viele Kommunalpolitiker arbeiten ehrenamtlich. Während von oben ständig über angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft geklagt wird, investieren tausende Bürger ihre Freizeit, um Verantwortung für ihre Gemeinde, ihre Stadt und ihre Mitmenschen zu übernehmen – ohne dafür reich zu werden.
Diese Menschen stehen nicht in Talkshows. Sie bekommen keine Schlagzeilen. Sie beklagen sich nicht ständig über die Leistung anderer. Sie helfen einfach.
Währenddessen erzählen uns Politiker, Lobbyisten und Wirtschaftsvertreter immer wieder, die Deutschen müssten mehr arbeiten, mehr leisten, länger arbeiten, später in Rente gehen und auf noch mehr verzichten.
Ganz ehrlich: Wer behauptet, die Deutschen seien arbeitsscheu oder würden lieber feiern, hat entweder keine Ahnung von der Realität oder schaut bewusst weg.
Millionen Menschen gehen arbeiten, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Und anschließend investieren sie ihre Freizeit auch noch für andere. Unbezahlt. Ehrenamtlich. Aus Überzeugung.

Vielleicht sollten wir endlich aufhören, ständig die Bevölkerung zu belehren, und stattdessen einmal darüber reden, warum ein immer größerer Teil unseres sozialen Zusammenhalts überhaupt nur noch durch Ehrenamtliche aufrechterhalten wird.
Denn die eigentliche Frage lautet nicht, warum die Menschen zu wenig tun.
Die eigentliche Frage lautet:
Warum müssen Millionen Menschen immer häufiger das auffangen, was Politik, Staat und Gesellschaft nicht mehr ausreichend leisten?
27 Millionen Ehrenamtliche sind kein Zeichen von Faulheit.
Sie sind ein Beweis dafür, dass dieses Land von Menschen zusammengehalten wird, die Verantwortung übernehmen – oft still, oft unsichtbar und viel zu oft ohne die Anerkennung, die sie verdienen.
Foto: Reiner Pfisterer | Tafel Deutschland e.V.

