Pranger

Gewöhnung

Ich hätte nie gedacht, dass ich nach den Erfahrungen Deutschlands mit dem Jahr 1933 noch einmal so viel Angst davor haben könnte, wohin sich dieses Land entwickelt. Eigentlich war vieles schon lange absehbar. Warnungen gab es genug. Doch zu viele haben weggesehen, relativiert oder darauf vertraut, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Und auch ein großer Teil der Bevölkerung hat bei Wahlen offenbar nicht darüber nachgedacht, wohin die politische Entwicklung führen könnte.
Heute werden wieder Parolen gegrölt und verbreitet, die vor wenigen Jahren noch Empörung ausgelöst hätten. Worte und Forderungen, die einst als unerträglich galten, erscheinen 2026 plötzlich als diskutabel oder sogar normal. Und dann höre ich ständig: „Links ist doch auch nicht besser.“ Natürlich gibt und gab es auch politische Gewalt von links. Das muss benannt werden. Aber daraus folgt nicht, dass man die Unterschiede zwischen verschiedenen politischen Ideologien einfach verwischen kann. Die deutsche Geschichte zeigt sehr deutlich, wohin eine rechtsextreme Bewegung führen kann, wenn sie Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat beseitigt. Die Nationalsozialisten errichteten eine Diktatur, verfolgten und ermordeten Millionen Menschen und führten Deutschland in einen Weltkrieg. Das ist keine politische Fußnote, die man mit einem pauschalen „Links ist auch nicht besser“ beiseitewischen kann.
Was mir Angst macht, ist nicht nur, dass rechtsextreme Positionen wieder lauter werden. Es macht mir Angst, wie schnell sich das gesellschaftliche Empfinden verschiebt. Was gestern noch Empörung ausgelöst hat, wird heute diskutiert, morgen vielleicht akzeptiert und übermorgen zur politischen Forderung. „Wehre den Anfängen.“ Ein Satz, den wir seit Jahrzehnten kennen. Aber was, wenn dieser Satz inzwischen nur noch als frommer Alibispruch benutzt wird, damit niemand wirklich handeln muss? Ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass wir die Warnzeichen gesehen haben, aber trotzdem nichts getan haben. Denn Demokratie verschwindet nicht unbedingt mit einem großen Knall. Sie kann auch Stück für Stück schwächer werden, während sich immer mehr Menschen daran gewöhnen.

Und genau deshalb macht mir auch der Blick über den Atlantik Angst. Wollen wir wirklich einen Weg einschlagen, an dessen Ende Verhältnisse stehen könnten, wie wir sie heute in den USA unter Trump erleben: eine immer stärkere Polarisierung, eine geschwächte demokratische Kontrolle und politische Macht, die sich zunehmend über Institutionen und Widerspruch hinwegsetzt? Vielleicht ist das noch weit entfernt – aber Demokratie beginnt nicht erst dann zu bröckeln, wenn es zu spät ist.

Vielleicht ist das die größte Gefahr: dass wir uns nicht plötzlich verändern, sondern uns Schritt für Schritt an das gewöhnen, was wir früher niemals akzeptiert hätten.

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