PrangerSoziale Gerechtigkeit

Knapp drüber

Leserbrief:
„Wer arbeiten kann, sollte arbeiten – aber zu einem würdevollen Lohn.
Bezüglich Sozialleistungen kann ich persönlich nicht wirklich mitreden. Allerdings bekomme ich natürlich die Propaganda gegen diese Leistungen mit. Ob das wirklich so ist, würde mich interessieren.
Zum Beispiel: Miete, Möbel und Einrichtung, Zuschüsse für Kleidung, ein angebliches ‚Taschengeld‘, Zuschüsse für Heizung und Strom, komplette Kostenübernahme für Heimaturlaub, volle Kostenübernahme bei Krankheit im angeblichen Privatpatienten-Tarif, Unterstützung durch die Tafel sowie Gutscheine für Möbelhäuser.
Wenn man das grob zusammenfasst, soll das angeblich Milliarden kosten.
Wenn ich bedenke, was wir uns als Familie alles verkneifen mussten – Kurzurlaube, Kleidung, Anschaffungen –, obwohl wir nie Anspruch auf Sozialleistungen hatten, weil unser Einkommen angeblich nur um Centbeträge über einer Grenze lag, dann frage ich mich ernsthaft:
Warum mussten wir verzichten, wenn man mit staatlicher Unterstützung offenbar besser gefahren wäre?
Und liegt es vielleicht daran, dass unsere Familie hier seit Generationen im Umkreis von 50 Kilometern lebt und immer gearbeitet hat?“

„Wer arbeiten kann, soll arbeiten – aber mit würdigem Lohn“
Richtig.
Und genau hier liegt der Kern des Problems:
Nicht „zu hohe Sozialleistungen“ zerstören Gerechtigkeit, sondern zu niedrige Löhne,

Foto: BerndR

prekäre Beschäftigung und harte Anspruchsgrenzen.
In Deutschland arbeiten Millionen Menschen und sind trotzdem arm oder armutsgefährdet. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein Systemfehler.

2. „Was bekommen Menschen mit Sozialleistungen wirklich?“

🔹 Miete
Es wird keine Wunschmiete bezahlt.
Nur angemessene Kosten nach kommunalen Obergrenzen.
In vielen Städten reicht das nicht für den realen Wohnungsmarkt → Menschen müssen draufzahlen oder finden keine Wohnung.

🔹 Möbel / Einrichtung
Einmalige Erstausstattung, meist als Sachleistung oder Gutschein.
Billig, zweckmäßig, oft gebraucht.
Kein Möbelhaus-Bummel, kein Ersatz bei Verschleiß.

🔹 Kleidung
Keine regelmäßigen Zuschüsse.
Kleidung muss aus dem Regelsatz bezahlt werden.
Einmalige Beihilfen nur in Ausnahmefällen (z. B. nach Wohnungsbrand).

🔹 „Taschengeld“
Existiert nicht.
Der Regelsatz (Bürgergeld) deckt alles: Essen, Kleidung, Strom (nicht Heizung), Telefon, Hygiene, Mobilität.

Braune Geldbörse, die von einer Person mit leeren Fächern und einem Reißverschluss gehalten wird.
Chronomarchie / Pixabay

Das ist kein zusätzliches Geld, sondern das gesamte Leben davon.

🔹 Heizung / Strom
Heizung: nur im Rahmen der Angemessenheit.
Strom: vollständig aus dem Regelsatz zu zahlen.
Hohe Nachzahlungen = persönliches Problem, oft Schuldenfalle.

🔹 „Heimat-Urlaub“
Absoluter Mythos.
Es gibt keinen Urlaubsanspruch, keine Reisekosten, keine Familienbesuche.
Schon wenige Tage Abwesenheit müssen genehmigt werden – sonst Kürzungen.

🔹 Krankheit / „Privatpatient“
Falsch.
Bürgergeld-Empfänger sind ganz normal gesetzlich versichert.
Keine bessere Versorgung, keine schnelleren Termine – eher das Gegenteil.

🔹 Tafel, Gutscheine
Kein Rechtsanspruch.
Tafeln sind Ehrenamt, keine staatliche Leistung.
Gutscheine: selten, lokal begrenzt, meist symbolisch.
Fazit:
Das Bild vom „bequemen Leben auf Kosten anderer“ ist nachweislich Propaganda.

3. „Warum mussten wir verzichten, obwohl wir gearbeitet haben?“
Das ist der schmerzhafteste und gerechteste Punkt deiner Frage.
Die Antwort lautet: wegen harter, unfairer Grenzen.
Wer knapp über der Grenze liegt, bekommt nichts.
Keine Miete, keine Zuschüsse, keine Hilfen.
Gleichzeitig reichen Löhne oft nicht für Rücklagen, Urlaub, Sicherheit.
Das ist das sogenannte „Armutsparadoxon der Mitte“:
Arbeiten, verzichten, zahlen – und trotzdem durchs Raster fallen.
Das Problem sind keine zu hohen Leistungen, sondern:
fehlende gleitende Übergänge
fehlende Anerkennung von Lebensrealität
politische Weigerung, Löhne und Freibeträge realistisch anzupassen

4. „Wäre man mit Stütze besser gefahren?“
Antwort:
Kurzfristig manchmal ja, doch langfristig immer nein.
Denn:
Sozialleistungen bedeuten ständige Kontrolle
Vermögen, Rücklagen, Lebensplanung werden beschnitten
Jeder Nebenverdienst wird angerechnet
Aufstieg wird erschwert, nicht gefördert
Es ist kein komfortables System, sondern ein Verwaltungssystem der Knappheit.

5. „Stammbaum, Herkunft, Realität der Politik“
Auch das ist kein Bauchgefühl, sondern Realität:
Viele politische Entscheidungsträger – einschließlich Merz –
haben nie erlebt, was es heißt:
am Monatsende zu rechnen
Kindern etwas erklären zu müssen, das man nicht bezahlen kann
trotz Arbeit auf Unterstützung angewiesen zu sein
Deshalb wird über „Anreize“, „Faulheit“ und „Missbrauch“ gesprochen –
statt über Löhne, Wohnkosten, Inflation und Würde.

Ihr habt nichts falsch gemacht.
 Ihr habt gearbeitet, verzichtet, Verantwortung übernommen.
Das System hat euch hängen lassen –
und lenkt den Frust gezielt nach unten, nicht nach oben.
Nicht Menschen mit wenig sind das Problem. 
Sondern eine Politik, die Armut verwaltet, statt sie zu verhindern.

 

 

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