Altparteien Auslaufmodele?
Auslaufmodell CDU?
Die CDU war einmal die Partei, unter deren Dach sehr unterschiedliche politische Vorstellungen Platz hatten. Konservative und Liberale, Wirtschaftsleute und Arbeitnehmer, Katholiken und Protestanten, Stadt und Land. Gerade diese Mischung machte ihre Stärke aus. Sie musste nicht jeden überzeugen, aber sie konnte viele unterschiedliche Gruppen gleichzeitig erreichen. Genau das scheint zunehmend schwieriger zu werden.
Ein bemerkenswerter Kommentar im RND beschreibt die CDU inzwischen als „zwei Parteien“ und stellt sogar die Frage, ob sie in ihrer heutigen Form ein Auslaufmodell sein könnte. Das ist eine ziemlich weitreichende Einschätzung. Dabei geht es gar nicht nur um Friedrich Merz. Merz ist eher Ausdruck eines Problems, das schon länger besteht. Die CDU hat sich in den vergangenen Jahren politisch deutlich verändert. Unter Angela Merkel bewegte sie sich in
vielen gesellschaftspolitischen Fragen in die Mitte und teilweise nach links. Die Union konnte damit Wahlen gewinnen, verlor aber gleichzeitig einen Teil ihres konservativen Profils.
Heute versucht die CDU, dieses Profil wieder stärker herauszustellen. Das funktioniert bei einem Teil ihrer Anhänger durchaus. Bei einem anderen Teil stößt dieser Kurs auf Ablehnung. Und genau dort liegt das Problem. In der CDU treffen inzwischen politische Vorstellungen aufeinander, die kaum noch zusammenpassen. Die einen erinnern sich mit Sympathie an die Merkel-Jahre und wünschen sich eine eher moderate, gesellschaftlich offene Union. Die anderen wollen eine deutlich konservativere und wirtschaftsliberalere Partei. Beide Gruppen können sich auf dasselbe Parteiprogramm berufen. Politisch denken sie trotzdem zunehmend unterschiedlich.Hinzu kommt die AfD. Die CDU verliert dort Stimmen, wo sie früher einen erheblichen Teil des konservativen Wählerspektrums erreicht hat. Gleichzeitig kann und will sie mit der AfD nicht zusammenarbeiten. Das ist eine politische Entscheidung, die man für richtig oder falsch halten kann. Sie hat aber eine Konsequenz: In einigen Regionen wird die Union dadurch vor ein erhebliches Problem bei der Bildung von Mehrheiten gestellt.
Der RND-Kommentar beschreibt genau dieses Dilemma. Die CDU könnte künftig vor der Wahl stehen, entweder nach rechts oder nach links mögliche Partner zu suchen. Beides würde wiederum Teile der eigenen Partei vor erhebliche Probleme stellen. Das ist mehr als eine Frage taktischer Koalitionen. Denn eine Volkspartei funktioniert nur dann, wenn ihre unterschiedlichen Strömungen noch eine gemeinsame politische Heimat erkennen können. Wenn die Unterschiede irgendwann größer sind als das Verbindende, wird aus innerparteilicher Vielfalt ein dauerhafter Konflikt. Dann reicht auch ein gemeinsames Parteibuch nicht mehr.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die CDU heute steht. Die Partei muss gleichzeitig konservativer werden, ohne diejenigen zu verlieren, die mit einem solchen Kurs nichts anfangen können. Sie muss sich von der AfD abgrenzen, ohne deren Wähler vollständig an sie zu verlieren. Sie muss wirtschaftsliberal auftreten und gleichzeitig sozialpolitische Erwartungen erfüllen. Und sie muss eine Regierung führen, obwohl ihre eigene Anhängerschaft

über die Richtung des Landes zunehmend uneins ist. Das ist eine Menge für eine einzige Partei. Die Geschichte der Volksparteien zeigt außerdem, dass politische Veränderungen nicht unbedingt mit einem großen Knall beginnen. Parteien verschwinden selten plötzlich. Zunächst verlieren sie ihre Bindungskraft. Dann wird die Stammwählerschaft kleiner. Die früher selbstverständlichen Mehrheiten werden schwieriger. Und irgendwann wird aus der Partei, die den politischen Mittelpunkt geprägt hat, eine Partei unter mehreren.
Die SPD kennt diesen Prozess. Auch sie war lange eine Partei, die sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenführen konnte. Arbeiter, Angestellte, Gewerkschafter, soziale Bewegungen und Teile des Bildungsbürgertums fanden dort ihre politische Heimat. Heute ist die SPD davon weit entfernt. Warum sollte die CDU davor geschützt sein?
Und die CDU ist damit keineswegs allein. Auch bei SPD und FDP lässt sich beobachten, wie eine einst prägende politische Funktion verloren gehen kann. Die SPD hat einen großen Teil ihrer früheren Stammwählerschaft eingebüßt. Die FDP wiederum scheiterte 2025 erneut an der Fünfprozenthürde und ist nicht mehr im Bundestag vertreten. Bei beiden Parteien kann man inzwischen zumindest die Frage stellen, ob sie noch dauerhaft die gesellschaftliche Bedeutung besitzen, die sie über Jahrzehnte hatten.
Das macht den Begriff „Auslaufmodell“ noch interessanter. Vielleicht geht es gar nicht nur um die CDU. Vielleicht erleben wir gerade das langsame Ende einer Parteienlandschaft, in der CDU/CSU, SPD und FDP über Jahrzehnte zu den festen Größen der Bundesrepublik gehörten. Die Parteien selbst werden deshalb nicht automatisch verschwinden. Aber ihre alte Rolle könnte verschwinden.
Vielleicht ist deshalb die Bezeichnung „Auslaufmodell“ interessanter, als sie auf den ersten Blick klingt. Sie bedeutet nicht, dass die CDU morgen verschwindet. Und sie bedeutet auch nicht automatisch, dass eine Aufspaltung bevorsteht. Sie beschreibt vielmehr die Frage, ob das Modell Volkspartei noch funktioniert. Eine Partei, die früher von ihrer enormen Bandbreite lebte, könnte an genau dieser Bandbreite zerbrechen. Wenn sich die unterschiedlichen Lager nur noch gegenseitig blockieren, wird aus Vielfalt irgendwann Unvereinbarkeit. Dann wäre eine Spaltung vielleicht nicht das Ende der CDU, sondern die logische Folge einer Entwicklung, die längst begonnen hat.
Ob es dazu kommt, ist offen. Sicher ist nur: Die politische Landschaft des 20. Jahrhunderts gibt es nicht mehr. Und eine Partei, die wie die CDU über Jahrzehnte genau für diese Landschaft geschaffen wurde, kann nicht einfach davon ausgehen, dass ihr altes Erfolgsmodell auch im 21. Jahrhundert unverändert funktioniert.
Vielleicht ist die Frage bei der CDU deshalb gar nicht, wie lange Friedrich Merz Parteivorsitzender oder Kanzler bleibt. Sondern ob die angeblich Christlich-Demokratischen in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch die Partei sein wird, die sie mal war.
https://www.rnd.de/politik/die-cdu-ist-laengst-zwei-parteien-XVEWGD6EQNFITLU75M4HL5O2ZU.html
